Westliches Denken ist Denken in Gegensätzen
Es ist das Denken in Gegensätzen, das unsere westliche Kultur auszeichnet, und
genau darin liegt die Begrenzung unserer Möglichkeit und damit brachliegendes
Potenzial, das zur Steigerung von Produktivität und Leistungsfähigkeit genutzt
werden könnte.
Eines der beherrschenden Themen unserer Kultur und Gesellschaft ist der Weg aus
der Abhängigkeit in die Unabhängigkeit. Wer träumt nicht davon, ganz und gar
von anderen unabhängig zu sein? Doch dies ist, genau betrachtet, eine vollkommene
Illusion und unrealistischer Traum. Weil alles miteinander verbunden ist und sich
gegenseitig bedingt, gibt es keine Unabhängigkeit; Selbstständigkeit ja, aber keine
Unabhängigkeit.
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Von der Unabhängigkeit zur Interdependenz
Damit wird ein wesentlicher Unterschied zur Kultur Japans und dem
Selbstverständnis der Tradition des Zen deutlich, denn dort suchen die Menschen
nicht nach Unabhängigkeit als Weg aus der Abhängigkeit, sondern sie erleben sich
als interdependent. Dabei geht es eben nicht darum, etwas gemeinsam zu tun,
sondern um Gemeinschaft. So sprechen viele Menschen von Teams und der
Forderung nach Teambildung. Doch was ist ein Team wirklich? Es ist eine Gruppe
von gleichberechtigten Menschen, die gemeinsam an einer Aufgabe arbeiten.
Beispielsweise ist ein Verkaufs-Team nicht wirklich ein Team, sondern eine
Kooperation von eigenständig agierenden Personen, in der sich (im günstigsten Fall)
alle einem gemeinsamen Ziel verpflichtet fühlen, jedoch jeder »am Kunden« für sich
alleine agiert und arbeitet. Aufgaben und Funktionen sind klar definiert und meist
auch voneinander abgegrenzt. Auch ein Team, das diesen Namen verdient, etwa
eine Fußballmannschaft, hat voneinander abgegrenzte Aufgabenfelder und klar
definierte Positionen. Im Unterschied zu einem Verkaufs- Team wird die Arbeit aber
im direkten und unmittelbaren Zusammenhang gemeinsam verrichtet. Man arbeitet
wie bei einem Forschungsteam gleichzeitig miteinander an einer Sache. Auch ein
Orchester ist ein Team, nicht aber Manager oder Bereichsleiter eines Unternehmens.
Hier erfüllt jeder seine Aufgabe (hoffentlich) eigenständig und eigenverantwortlich,
jedoch keinesfalls unabhängig, sondern in wechselseitiger Bedingtheit mit den
anderen Unternehmensbereichen.
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Vom Dilemma zum Tetralemma
Ein Dilemma? Kein Dilemma! Denn es geht nicht um ein Entweder-Oder oder ein
Sowohl- als- auch, sondern um etwas ganz anderes. Und genau das ist die
Philosophie des Kaizen.
Statt einen Kompromiss zwischen Einzelkämpfertum oder gemeinsamen Team-
Handeln zu finden, geht es ausschließlich darum, jeden Einzelnen zu
herausragenden Leistungen zu befähigen und seinen Beitrag mit den Beiträgen der
Anderen perfekt zu koordinieren.
Damit bin ich bei der entscheidenden Frage angekommen: Warum lassen das die
Beschäftigten, etwa die Mitarbeiter von Toyota, mit sich machen, oder machen sie es,
weil sie es selbst wollen? Die einfache Antwort wäre: Weil es ihrer Kultur und
Tradition entspricht. Aber das ist zu einfach gedacht. Die weiterführende Frage ist:
Was prägt die japanische Kultur und Gesellschaft? Die Kultur, die Riten und der
Habitus einer Gesellschaft existieren ja nicht eigenständig aus sich selbst heraus,
sondern sie sind der sicht- und wahrnehmbare Ausdruck eines ganz spezifischen
Selbst– und Lebensverständnisses.
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Von Teamspielern und Einzelkämpfern
Wollen in einem Orchester von, sagen wir einmal, zwanzig Personen zehn die erste
Geige spielen, so wird der Dirigent ein - gelinde gesagt - grandioses Problem haben.
Die musikalische Darbietung aber wird alles andere als grandios werden.
Ein herausragender Unternehmenserfolg wird nur dann realisiert, wenn jeder für
sich an seinem Platz nach Einzigartigkeit, herausragender Leistung und damit nach
Vollendung sucht und sich dabei in das gesamte Ensemble namens Unternehmen
nahtlos einfügt und im Takt mit der Partitur - der Unternehmensvision - bleibt..
Wer sich als Einzelkämpfer versteht, den Blick für das Ganze verliert, die Interessen
der anderen ignoriert und die anderen Bereiche des Unternehmens nicht als seine
Kunden versteht, wird genauso scheitern wie die Team-Romantiker, die ihre Zeit in
endlosen Abstimmungs- Meetings verbraten.
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