in der Zen-Beratung.
Wer sich auf Zen einlässt muss wissen, auf was er sich da einlässt.
Die Gedanken des Zen fordern einen immer wieder aufs Neue heraus, festgefahrene
Vorstellungen über sich selbst und andere zu überwinden und sich selbst immer wieder neu
zu entdecken. Dies ist die einzige Möglichkeit zu einer tieferen Lebendigkeit und wesenhaften
Leichtigkeit zu finden. Diese Lebenshaltung ist nicht unbedingt bequem. Aber sie ist erfüllender
als sich anzupassen, sich zu arrangieren oder zu rebellieren.
Sich der eigenen Wahrheit zu stellen verlangt Mut.
Für das Zen-Denken bezeichnet ist, dass Antworten auf aktuelle Fragen nicht in Lösungen,
sondern im Wahrnehmen und Bewusstwerden der gesamten Situation gesucht und gefunden
werden.
Hinter diesem Verzicht auf das Suchen nach einer Lösung steht die Einsicht, das eine solche
Lösung selten mit dem Verstand gefunden werden kann, vielmehr offenbarte sie sich als
intuitives Wissen in der bewussten Wahrnehmung dessen, was ist.
Die auf den Gedanken und Einsichten des Zen basierende Beratung ist essentiell anders als
traditionelle Beratung oder Coaching, vor allen Dingen, weil ein grundsätzlich anderes
Verständnis vom Denken, von Gefühlen, des Willens, des Bewusstseins und der Wahrnehmung
zu Grunde liegt. Auch das Verständnis von der Welt und damit das Menschenbild und eigene
Selbstverständnis sind wesentlicher und ohne die üblichen Vorstellungen des
Alltagsbewusstseins.
Zen fragt nicht nach der Bedeutung der Dinge, sondern schafft unmittelbare Klarheit über das,
was ist. Das ist die Stärke dieser Beratung: Unmittelbares Sehen. Den Dingen wird – ohne
Umschweife – auf den Grund gegangen. Alan Watts hat Zen daher auch einmal »
die Autobahn
auf den Gipfel der Erkenntnis« genannt.
Darin liegt für manche auch die Herausforderung: Zen konfrontiert unmittelbar mit der
Wirklichkeit. Weil aber viele Menschen in Konditionierungen verhaftet, in mentalen Modellen
verstrickt und in Identifikationen verfangen sind, fällt es ihnen schwer, sich direkt auf die
Realität einzulassen. Dabei ist gerade das die Chance, die Zen bietet.
Zen ist ein unverstellter Spiegel. Was mancher darin sieht, ist leider nicht immer angenehm.
Vor allen Dingen gibt es im Zen keinen Raum für Eitelkeiten und Selbstbezogenheit. Darum
heißt es im Zen ja auch: »Willst du dir deine Gefühle bewahren, dann ist das so, als würdest du
ein Netz auf einen Berg zerren, um Fische zu fangen.«
Typisch für die Herangehensweise des Zen ist diese Beschreibung:
»Deine Arbeit wird ausgezeichnet durch die Fähigkeit, aus der Betrachtung der gegenwärtigen Situation des
Klienten (seiner Haltung, seiner Stimme, seiner Sprache und den wenigen Angaben zu seiner Geschichte), die
verursachenden Wirkungen hinter dem Problem zu sehen. Ohne Analysen der Vergangenheit.
Aus dem, was er jetzt präsentiert, wird Dir klar, wie er vorher gehandelt (oder eben nicht gehandelt) haben muss.
Es ist die Kunst, einfach zu sehen: Was muss ein Mensch erlebt haben, um so zu sein, wie er sich gerade zeigt.«
Daraus ergeben sich diese vier Schritte in der Beratung:
Zen-Beratung klärt im ersten Schritt, was ist, ohne dem eine Bedeutung zu geben um im
zweiten Schritt die dahinter liegende Dynamik zu erfassen. Im dritten Schritt wird ergründet,
wo die Potentiale liegen und was zu tun wesentlich und wahrhaftig ist. Damit ist nicht die
Frage nach dem Richtigen oder Falschen gemeint, sondern was angesichts der gesamten
Situation angemessen und stimmig ist.
Erst im vierten Schritt wird getan, was zu tun ist. Diese Schritte klar von einander abzugrenzen
und jedem Schritt zu Ende zu gehen ist essenziell. Viele Menschen haben das Bedürfnis, sofort
etwas zu tun, dies kann jedoch nicht gelingen, wenn die Schritte davor nicht gegangen sind.
Dem Buddha wird dieser Satz zugeschrieben »
Man ist, was man denkt.«
Das bedeutet nichts anderes, als dass Geist die Realität unmittelbar kreiert – eine Vorstellung,
die von den Quantenphysikern und vielen Wissenschaftssoziologen geteilt wird. Die
traditionelle Beratung hingegen geht davon aus, dass jeder Mensch sich »seine« Wirklichkeit
kreiert, die aber eben nicht die Realität ist. Zen hingegen sagt, dass jeder Mensch nicht nur
»seine« Wirklichkeit kreiert, sondern darüber hinaus eben auch die Realität unmittelbar – und
das meist nicht- bewusst.
Glaubt man, dass nur ein langer Weg zur Bewusstheit führt, wird es ein langer Weg sein. Ist
man der Überzeugung, dass Bewusstheit unmittelbar jetzt realisiert werden kann, wird das
geschehen. Der Satz lautet nicht »
Man ist, was mein sein will«, sondern eben das, »
was man denkt«.
Darum kann man sich auch nicht »einfach« entscheiden, bewusst zu sein, sondern das Denken
muss Bewusstheit sein, was nichts anderes bedeutet, als dass man frei von Konditionierung
und Vorstellungen von der Welt und auch frei von jeglicher Selbstbezogenheit ist.
Eine Tatsache, die sich auch in diesem Gedanken von Gandhi wieder findet: »
Es gibt keinen Weg
zum Frieden, Frieden ist der Weg.«
Ein sehr gutes Beispiel, um die Unterschiede zwischen traditioneller und Zen-Beratung zu
verdeutlichen, ist das Thema »Unabhängigkeit«, das viele Menschen bewegt. In der
traditionellen, vom psychologischen Denken her geprägten Beratung sucht man meist nach
Wegen aus der Abhängigkeit in die Unabhängigkeit, etwa durch Aktivierung von mentalen
Ressourcen oder einer Verbesserung des Selbstbewusstseins oder Selbstwertgefühls. Dabei
bewegt man sich jedoch weiterhin auf einer horizontalen Ebene in dem Spannungsverhältnis
von Abhängigkeit und Unabhängigkeit und dem Verständnis von Subjekt- Objekt-
Beziehungen. Das ist Translation.
Im Denken des Zen wird dieses polare wie duale und damit personale Denken aufgelöst im
Bewusstsein der Einheit des Seins, also im transpersonalen Denken, was unmittelbar zum
Verständnis von Interdependenz und Dynamik führt und dadurch Abhängigkeit wie
Unabhängigkeit im Wesentlichen transzendiert werden. Das ist dann Transformation.
Dieses Beispiel macht auch deutlich, dass die Zen- Beratung ungeeignet für den psychisch
kranken oder neurotischen Menschen ist. Nur das stabile »ICH« kann transzendiert werden
zum Selbst.
Die Zen-Beratung basiert auf folgenden Einsichten:
Alles lässt sich auf die Erkenntnisse zurückführen,
- dass nichts beständig ist,
- dass alles bedingt ist und
- dass es kein eigenständiges Selbst gibt.
- Eine essenzielle Mitteilung ist aber auch die von der Einheit allen Seins.
Anmerkung eines Teilnehmers:
»Alle vier Sätze wirken so einsichtig, dass ich sie lange für selbstverständlich hielt. Wie eine physikalische
Formel, die ich theoretisch nachvollziehen kann ohne die Tragweite ihrer Bedeutung zu verstehen.
Sie wirken eher banal. Zu allgemein. Daher war für mich das Büchlein wichtig, das in den Weg zur
Meisterschaft mündet. Etwa die Geschichte, wie Du stückweise den Anspruch auf Anerkennung aufgegeben
hast. Oder: Dass Entwicklung nicht funktioniert, wenn ich keine Entscheidung treffe.«
Der Zen-Praktizierende muss lernen, diese Gedanken in seinem Leben zu integrieren und
unmittelbar selbst zu erfahren, wohingegen derjenige, der sich beraten lässt, nur darauf
einzulassen braucht.
Darum beginnt jede Beratung mit der Frage: Sind Sie bereit dazu?
Der Unterschied zwischen traditioneller und Zen- Beratung entspricht dem zwischen
translativen und transformativen Praktiken.




